Wir wollen alles und nichts.

Unsere Beziehungen zu anderen Menschen scheinen sich durch viele verschiedene Faktoren zu verändern. Das bezieht sich auf Freundschaften und auf die Liebe. Unter anderem hat meiner Meinung nach das Internet einen erheblichen Beitrag dazu geleistet. Ich bin bei der Recherche für meine Thesis neulich auf einen Artikel gestoßen, der sich mit dem Thema Freundschaft und Liebe auseinandersetzt. Darin verbergen sich ein paar sehr wichtige Statements:

In der Shell-Jugendstudie von 2010 sagten 97 Prozent der Befragten, „gute Freunde haben“ sei der wichtigste Wert in ihrem Leben, gleich nach der Gesundheit. Damit verdrängte die Freundschaft erstmals seit 2002 die Partnerschaft auf den dritten Platz.
[…]
Wie starr und geregelt wirkt oft die Liebe! Erst soll man gut auswählen, damit es ja ein Leben lang hält. Und dann geht die Arbeit an der gemeinsamen Erzählung erst los. Stets die alltägliche Realität vor Augen und das Ideal im Nacken: Ein Fehltritt – und es kann vorbei sein.
[…]
In der Freundschaft kann man dagegen einfach „sein“. Jeder ist sich selbst und damit dem anderen genug. Freundschaft ist in den Worten des Philosophen Harry Frankfurt ein zweckfreier, ein „intrinsischer Wert“. […] Sie ist Erwartungs- und bewertungsfrei, fast bedingungslos und vor allem: nicht-exklusiv. Freundschaft schließt andere Freundschaften nicht aus.

Ok, in dem Artikel verlagert sich irgendwann der Fokus in eine Richtung, über die ich nicht schreibe möchte. Deswegen habe ich nur ein paar Ausschnitte aus dem ersten Teil zitiert.

Mir geht es darum zu ergründen, was sich eigentlich bei den heutigen Beziehungen verändert hat. Ich denke, dass wir in einer Zeit sind, in der wir immer mehr Probleme mit Mustern und vorbestimmten Strukturen haben, die bis vor Kurzem noch geläufig waren. Es gibt Dinge, die von uns in bestimmten Situationen erwartet werden und die wir auch noch selbst von uns und anderen erwarten. Diese Vorgaben widerstreben aber unserem heutigen Drang nach Selbstverwirklichung und anderen Bedürfnissen, die ein Ergebnis der Medienentwicklung sind (bzw. sein könnten). Alte Werte vermischen sich mit neuen, aber sind eigentlich nicht miteinander vereinbar. Es ist so, als ob wir Öl und Wasser vermengen wollen, uns aber noch die Lösung dafür fehlt.

Eines dieser Bedürfnisse ist die in dem Artikel angesprochene „Nicht-Exklusivität“. Man darf mehrere Freunde haben, aber in der Liebe gilt die Monogamie. Nun ist die Frage, ob sich das Problem so einfach lösen lässt, indem wir in offene Partnerschaften übergehen oder eben – was im Moment die gängigste Lösung zu sein scheint – die Partner schneller und häufiger wechseln. Das macht uns aber nicht besonders glücklich, da wir im ersten Fall vielleicht den „alten“ Wert einer langjährigen Partnerschaft, aber nicht den der Monogamie erfüllen können. Im zweiten Teil ist es andersrum. Und eigentlich wollen wir ja alle alles und alle nichts. Wir wollen eine langjährige Partnerschaft und Monogamie, haben aber mittlerweile alle so ein großes Netzwerk, so viele Angebote um uns herum, Zugang zum Leben so vieler Menschen, dass wir Angst haben, etwas zu verpassen.

An dieser Stelle weiß ich nicht mehr, was ich denken oder schreiben soll, denn ich habe die Lösung, mit der sich das Öl und das Wasser vermengen lässt, selbst noch nicht gefunden. Ich denke aber darüber nach, sie zu finden, und damit Millionärin zu werden.

In diesem Sinne…

2 thoughts on “Wir wollen alles und nichts.

  1. Hallo Clauschen,

    nach einer Empfehlung Deines Artikels, habe ich diesen mit großen Interesse gelesen, weil er auch einen Teil dessen beschreibt, was mich so bewegt. Während des Lesens konnte ich an der ein oder anderen Stelle die Problematiken nachvollziehen, die Du versuchst darzustellen und zu erörtern, weil ich, so wie bestimmt ein großer Teil unserer urbanen Generation, dieses Phänomen mehr oder weniger schon ein mal selbst erlebt haben bzw. ständig erleben. Vielleicht kann ich keine eindeutige Lösung benennen, aber ich denke, dass das im Folgenden beschriebene Konzept einen adäquaten Lösungsvorschlag darstellt, der individuelle ausgestaltet, für einen Großteil der Betroffenen sich als effektiv erweisen könnte. Du zitierst, dass den Menschen auf der einen Seite Freundschaft besonders wichtig ist und dass die Liebe auf der anderen Seite sehr starr ist und man durch die Vielzahl an täglichen Angeboten dem Leben hinterher rennt, weil man sich nicht entscheiden kann. Dies führt dazu, dass wir denken, dass wir alles und wiederum nicht wollen. Um dies zu verhindern, so denke ich, ist es besonders wichtig, sich seiner Werte und Ziele bewusst zu werden. Damit meine ich nicht diese Pseudo-Abfrage-Ziele: „Kreuzen Sie dies an…“, sondern jeder sollte sich ausreichend mit sich selbst beschäftigen, um wirklich zu erfahren, wer man, was für einen wichtig ist und was man tatsächlich will. Der zweite Schritt ist dann, integer zu handeln, d.h. nach seinen vorher erkannten inneren Werten zu leben und seine Ziele zu verfolgen. Im Unterschied zur Befragung sehe ich hier die größere Hingabe und Beschäftigung mit sich selbst, was uns tatsächlich dem Ziel eines glücklicheren Lebens näher bringt. (Auch hier denke ich, dass Freundschaft bei vielen ganz oben stehen wird). Wenn man nun tatsächlich nach seinen Werten lebt, ist die Lücke zwischen Freundschaft und Liebe nicht mehr ganz so groß. Man verhält sich natürlich jedem anderen gegenüber, denn erstens wird man sich nur mit einer Person das zweite Mal treffen wollen, die größtenteils die Werte eines anderen akzeptiert und dabei sogar behilflich ist, diese einhalten zu wollen, und zweitens wird man durch die Bekanntschaft mit eben dieser Person eine vermeintlich und schmalzig ausgedrückt „seelenverwandte“ Person finden. Bleibt man sich und seinen Werten langfristig treu, wird auch diese Beziehung lange halten. Dabei sind einem die Ziele und Werte, die uns extrinsisch vorgegeben und vorgelebt werden egal, solange man sich an seine eigenen hält. Zu guter letzt gerät man somit nicht in den Konflikt alles und nichts haben zu wollen, da man nur genau das haben will, was einem selbst von großer Bedeutung ist!

    • Hallo MG : ),

      Danke für deine sehr ausführliche Antwort. Ich geb dir absolut recht damit, dass man für sich selbst herausfinden muss, was einem wichtig ist und es dann so ausleben sollte. Aber das ist schwer herauszufinden, weil man nicht weiß, was von außen auf einen einwirkt und eingewirkt hat und was tatsächlich von „innen“ heraus kommt. Und genau das ist eine große Problematik. Wir sollten uns mal wieder sehen und darüber sprechen : ). Ist echt spannend.

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